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Montag, 28. September 2015

ICH RIECHE DICH

Ich habe gerade keine Bilder, aber Lust zu schreiben.
Heutiges Thema: Mein Opa oder besser gesagt, der Geruch meines Opas. Den habe ich nämlich heute wiedergefunden, ohne meinem Opa lebhaftig begegnet zu sein. Das war sehr komisch, weil ich immer dachte, dass Opas und auch besonders meiner, diesen individuellen Geruch haben, der so eine Mischung aus Alter, schlechter Laune, Aftershave und grauem Schnauzer ist. Aber im Endeffekt stellte sich heute zu meinem Leidwesen heraus, dass es nur das Aftershave handelt (oder Parfüm, ich weiß es nicht). Adieu Mythos meiner Kindheit.
Denn mein Volleyballlehrer riecht so haargenau wie mein ständig miesepetriger Opa, dass es frappierend ist. Ich habe meinen Opa väterlicherseits schon bestimmt 2 Jahre nicht gesehen, aber sein Geruch scheine ich nie vergessen zu haben, auch wenn ich nicht mehr genau weiß, wie seine Augen aussehen. Ich atmete diesen Körpergeruch ein und sah meinen Opa, den ich nie mochte und der mich nie mochte. Der Opa der immer zu mir als 5 jähriges, armes Mädchen sehr ruppig "Was, Was, du altes Fass" sagte, wenn mir aus Versehen ein "Was" anstatt eines "Wie bitte" herausrutschte. Das war etwas, was mich in diesem zarten Alter überaus ängstigte und einschüchterte.
Ich stelle es mir so vor, dass wir in unseren Gehirnen eine Art "Extraregal" für Gerüche haben, wo sie liebevoll in kleine Glasfläschchen eingefangen langsam einstauben. Zentimeterdicke Staubschichten bei Kindheitsgerüchen von alten Menschen, dünne, fragile Staubgebilde auf Frischen.
Nein, aber es muss ein ganzes gigantisches Labyrinth aus diesen Regalen sein, lange, hohe Holzgebilde, die sich in Schneckenform zu einer Mitte zusammenrollen und nur ganz schmale Wege zwischen ihren Rücken lassen. durch die man gerade so hindurch schlüpfen kann. Wie im Naturkundemusuem, wo die Präparate im gelbicher Flüssigkeit herumschwimmen, so wabern die Gerüche still und geborgen in den Gefäßen, nur dass sie unsichtbar sind. Da gibt es den Geruch von meiner Mutter, meiner ersten Liebe, der Mutter meiner ehemaligen besten Freundin, als ich 13 war, meiner Schwester, aber auch Gerüche wie Weihnachten, Tomatensuppe, Erbrochenes, Rote Grütze oder Waschpulver. Alles in diesen Gläser, sorgsam mit einem Pfropfen verschlossen, damit niemand und nichts meinem Gedächtnis entweichen kann.
Daher rieche ich manchmal Menschen an Orten, wo sie nicht sind, wie meinen Opa heute in einer Turnhalle in Kreuzberg. Das ist komisch, aber zugleich sehr befriedigend und interessant. Einen Moment innehalten, kurz an die "errochene" Person denken, vielleicht lächeln, vielleicht auch nicht, aber jedenfalls ist es ein Erinnern und ich war schon immer ein Freund des Erinnerns.

1 Kommentar:

  1. Und mich halten alle immer für merkwürdig, wenn ich so über Gerüche rede!
    Ein wunderschöner Text ist das!

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